Wie soll Deutschland Wachstumschampions hervorbringen, wenn schon die Gründung selbst zur bürokratischen Zumutung wird?
Im OECD-Index zu administrativen Gründungshemmnissen liegt Deutschland auf dem letzten Platz aller 27 EU-Staaten, OECD-weit reicht es nur zum drittletzten Rang hinter Costa Rica und Japan. Rund 100.000 Einzelbestimmungen in Bundesgesetzen verursachen laut IW/INSM-Gutachten laufende Kosten von 64 Milliarden Euro jährlich, mit spürbaren Folgen für die künftige Deal-Pipeline im Mittelstand.
Während der Standort mit sich selbst ringt, ließen sich die Dealmaker davon nicht bremsen:
- Intersnack übernimmt den US-Snackhersteller Utz Brands vollständig für 14,25 USD je Aktie in bar, rund 2,9 Mrd. USD Bewertung bei einem Aufschlag von 91 Prozent.
- ABB greift nach dem britischen Armaturenhersteller Rotork für 503 Pence je Aktie, ein Enterprise Value von rund 5,5 Mrd. Dollar und die größte Akquisition der Konzerngeschichte.
- Cewe kauft das Sofortfoto-Geschäft von Kodak Alaris für rund 72 Mio. Euro und verschafft sich damit den Einstieg in den US-Markt.
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Deal der Woche
Uber verschluckt Delivery Hero und zerlegt Europas Liefermarkt gleich mit
Delivery Hero war einmal Deutschlands stolzester Foodtech-Export, dann folgten Jahre roter Zahlen und der Abstieg aus dem Dax. Diese Woche endet die Geschichte als eigenständiges Unternehmen: Uber bietet 41,50 Euro je Aktie, das entspricht rund 12,7 Milliarden Euro. Großaktionär Prosus hat seine Beteiligung bereits zugesagt, Management und Aufsichtsrat unterstützen die Offerte einstimmig.
Parallel verkauft Delivery Hero sein Geschäft in 14 Märkten, darunter Österreich und Spanien, für 1,4 Milliarden Euro an SSW Partners, um Kartellklagen zuvorzukommen. Uber baut sich damit zum größten Lieferdienstkonzern der Welt aus, mit 99 Märkten und 236 Milliarden Dollar Bruttowarenvolumen. Für Berlin bleibt trotz Standortgarantie bis 2029 der Beigeschmack einer weiteren Konsolidierung Richtung USA.
Uber wird beraten von Morgan Stanley und Deutsche Bank als Lead Financial Advisors sowie Bank of America, Goldman Sachs, Freshfields und Wachtell, Lipton, Rosen & Katz. Delivery Hero setzt auf J.P. Morgan und Sullivan & Cromwell, SSW Partners auf Evercore, Paul Weiss, Hengeler Mueller, Baker Botts und Gibson Dunn.
Deutschland ist EU-Schlusslicht beim Gründen
Der Bürokratieabbau gehört seit Jahren zu den meistversprochenen und am wenigsten eingelösten Vorhaben deutscher Wirtschaftspolitik. Trotz vier Bürokratieentlastungsgesetzen und eines offiziell gemeldeten Rückgangs im Standardkostenmodell empfinden Unternehmen die reale Belastung als stetig wachsend. Genau diese Diskrepanz zwischen offizieller Statistik und gefühlter Realität steht im Zentrum des neuen IW/INSM-Gutachtens.
Im OECD-Index zu administrativen Gründungshemmnissen liegt Deutschland auf dem letzten Platz aller 27 EU-Staaten. OECD-weit reicht es nur zum drittletzten Rang hinter Costa Rica und Japan. Rund 100.000 Einzelbestimmungen in Bundesgesetzen verursachen laut Gutachten laufende Kosten von 64 Milliarden Euro jährlich.

Wo heute Gründungen ausbleiben, fehlt in fünf bis sieben Jahren der Nachschub an skalierbaren, kaufbaren Mittelständlern. Für Finanzinvestoren verengt sich damit langfristig die Zielscheibe für Wachstumsübernahmen im deutschen Mittelstand. Bürokratieabbau ist insofern längst kein reines Standortthema mehr, sondern eine Frage der künftigen Deal-Pipeline.
Die Gewinnquote schrumpft, während die Löhne durchstarten
In der öffentlichen Debatte um Unternehmensgewinne dominiert oft das Bild explodierender Margen und ungerechter Verteilung. Eine neue vbw-Studie zeichnet ein anderes Bild der vergangenen zehn Jahre. Sie zeigt, wohin sich die Wertschöpfung zwischen Kapital und Arbeit tatsächlich verschoben hat.
Zwischen 2015 und 2025 stieg die Lohnquote in Deutschland von 69,6 auf 74,9 Prozent, während die Gewinnquote von 30,4 auf 25,1 Prozent fiel. In der Industrie fällt der Bruch noch schärfer aus, dort sank die Gewinnquote auf nur noch 21,5 Prozent. Im Schnitt der Jahre 2015 bis 2023 verfehlten Industrieunternehmen sogar die notwendige Mindestrendite, die für Investitionen eigentlich erforderlich wäre.

Eine um einen Prozentpunkt höhere Vorjahresrendite hängt laut Studie mit einem um 0,30 Prozentpunkte stärkeren Beschäftigungswachstum im Folgejahr zusammen. Sinkende Margen bedrohen damit nicht nur Bewertungen, sondern mittelbar auch Arbeitsplätze und Investitionsfähigkeit. Für M&A-Prozesse heißt das: Wer die Gewinnquote eines Zielunternehmens isoliert betrachtet, übersieht die strukturelle Erosion dahinter.
Ein Hitzetag kostet NRW mehr als so manchen Mittelstands-Deal
Klimarisiken galten in der Unternehmensbewertung lange als abstrakte Zukunftsfrage, kaum greifbar für das Tagesgeschäft. Die Hitzewelle vom Juni 2026 mit neuen deutschen Allzeitrekorden hat das schlagartig geändert. Prognos hat erstmals beziffert, was ein einzelner Extremtag die deutsche Wirtschaft regional tatsächlich kostet.
Ein Tag über 35 Grad kostet Nordrhein-Westfalen laut Berechnung 204 Millionen Euro, Bayern 172 Millionen Euro, Baden-Württemberg 147 Millionen Euro. Bremen kommt mit 8 Millionen Euro vergleichsweise glimpflich davon. Deutschlandweit verursacht bereits ein Hitzetag ab 30 Grad direkte Kosten von rund 431 Millionen Euro, überwiegend durch Produktivitätsverluste statt durch Krankschreibungen.

Ausgerechnet die am stärksten betroffenen Bundesländer zählen zu den dealdichtesten Mittelstandsregionen Deutschlands. Physische Klimarisiken werden damit zunehmend zur Pflichtübung in der Due Diligence, nicht nur zur CSRD-Berichtspflicht. Wer Standort- und Produktionsrisiken künftig bewertet, kommt an der Postleitzahl nicht mehr vorbei.
Marktgerüche
M&A-Nachrichten
- BCG-Report: Schweizer M&A-Markt verzeichnet mit 172 Deals den höchsten Stand seit 2022, das Volumen sinkt aber um 40 Prozent auf 9,7 Mrd. Dollar.
- Steuerfahnder durchsuchen die Deutsche-Bank-Zentrale wegen Cum-Cum-Geschäften der früheren Postbank aus den Jahren 2008 bis 2010.
- Bosch investiert 200 Mio. Euro in seinen Venture Builder, um bis 2030 rund 20 DeepTech-Startups aus Konzern-IP auszugründen.
- Reploid steigert Umsatz auf 38 Mio. Euro, gründet Dünger-Tochter Regreen und startet Joint Venture mit der deutschen PreZero.
- Österreichs Startups sammeln 472 Mio. Euro im ersten Halbjahr 2026, bleiben im internationalen Vergleich aber abgeschlagen hinter München.
- PE-Investoren wenden sich von Software/KI-Wetten ab und setzen verstärkt auf kapitalintensive Branchen wie Energie, Rechenzentren und Maschinenbau.
- Partners Group steigert das verwaltete Vermögen ihrer Royalty-Strategie binnen sechs Monaten um 50 Prozent auf 1,5 Mrd. Dollar.
- Banque Richelieu überschreitet 11 Mrd. Euro verwaltete Vermögen und peilt binnen drei Jahren 15 Mrd. Euro an, auch über gezielte Zukäufe.
- Die slowenische NLB gewinnt Wellington Management als Unterstützer im Bieterkampf um Addiko Bank, liegt mit 28,9 Prozent aber weiter hinter RBI (55,5 Prozent).
- TKMS zieht sich aus dem Bieterrennen um die Marinewerft German Naval Yards Kiel zurück, da man sich wirtschaftlich nicht einigen konnte; nur noch Rheinmetall bewirbt sich.
- Indiens IT-Konzerne wie TCS, Infosys und Wipro kaufen milliardenschwer zu, um sich gegen die KI-Disruption zu wappnen, und setzen dabei auch auf deutsches Know-how.
- Worthington Steel eröffnet die Annahmefrist für sein Delisting-Angebot an verbleibende Klöckner-Aktionäre zu 11 Euro je Aktie.
- Bafin bestätigt Bilanzierungsfehler bei Zalando im Kontext der About-You-Übernahme und schließt das Prüfverfahren ab, ohne Auswirkung auf die Finanzkennzahlen.
- Smag Mobile Antenna Masts, Portfoliounternehmen von Aequita, startet schwach an die Börse und verliert am ersten Handelstag rund 42 Prozent.
- EnBW stellt bei Heimspeichertochter Senec das Neukundengeschäft ein und baut rund 75 Prozent der Stellen ab; Fokus künftig nur noch auf Bestandskunden.
- Die Bundesregierung gibt ihre Blockadehaltung gegenüber Unicredit auf und will bei der Commerzbank-Übernahme künftig eigene Bedingungen verhandeln statt sie zu verhindern.
- Henkels geplante 725-Mio.-Dollar-Übernahme von Pittsburgh Paints gerät ins Stocken, die US-Kartellbehörde FTC klagt gegen den Deal.
Personalien
- Brussels-Airlines-Chefin Dorothea von Boxberg wird zum 1. September neue Personalvorständin bei BMW und löst Ilka Horstmeier ab.
- Ex-Deutsche-Bank-Manager Jan-Philipp Gillmann wechselt zu BNP Paribas und übernimmt gemeinsam mit Nico Ruse künftig die Doppelspitze im deutschen Firmenkundengeschäft.
- Urs Pfluger startet als neuer NKB-CEO, während die Bank im Halbjahr einen leicht rückläufigen Gewinn von 7,2 Mio. Franken meldet.
- DZ Privatbank Schweiz erweitert die Generaldirektion: Daniel Lipp wird Vorsitzender, Anna Poser wechselt von Julius Bär dazu.
- Ex-NBIM-Banker gründen mit Ex-GAM-CEO Tristan Brenner den KI-Hedgefonds Symbit Capital in Zug.
- CFO Christoph Burkhard verlässt Wacker Neuson zum 31. August, Nachfolger wird der interne Reinhard Frisch.
- Agraya schafft neue CFO-Position und beruft Tilman Felshart, der von Kroll Cosmetics wechselt.
- Christian Bauer wird zum 1. Oktober neuer CFO und Co-CEO bei Circus, verantwortet künftig auch das M&A-Geschäft.
- Robert Puster wird zum 3. August neuer CFO bei Lloyd Lifestyle und folgt auf Thomas Schmies.
- Deutschland-CFO Angelo Torcia verlässt Prysmian zum 31. Juli auf eigenen Wunsch, Nachfolge offen.
- Jérôme Korn-Fourcade wird ab August neuer CFO der BBT-Gruppe, intern befördert aus der Region Koblenz-Saffig.
Jens Hohnwald